Die Krypto-ETF-Revolution der SEC: Orientierung in der neuen Ära der Investition in digitale Vermögenswerte
Die Krypto-ETF-Warteschlange der SEC umfasst mittlerweile mehr als 126 Anträge, wobei Bloomberg-Analyst James Seyffart die Genehmigungschancen für Produkte auf Solana, XRP und Litecoin mit „100 %“ beziffert. Der Haken? Eine regulatorische Änderung, die die potenziellen Genehmigungszeiträume von 240 Tagen auf nur 75 Tage verkürzt hat, könnte eine ETF-Explosion auslösen – gefolgt von einer Welle von Liquidationen, da zu viele Produkte zu wenigen Vermögenswerten nachjagen.
Willkommen in der „ETF-Palooza“-Ära der Kryptowelt. Nach Jahren regulatorischer Kämpfe haben sich die Schleusen geöffnet. Die Frage ist nicht, ob weitere Krypto-ETFs auf den Markt kommen, sondern ob der Markt sie alle absorbieren kann.
Die Regeländerung, die alles veränderte
Am 17. September 2025 stimmte die SEC einer scheinbar technischen Regeländerung zu, die die Krypto-ETF-Landschaft grundlegend veränderte. Drei nationale Wertpapierbörsen – NYSE, Nasdaq und Cboe – erhielten die Genehmigung für allgemeine Börsennotierungsstandards für rohstoffbasierte Trust-Anteile, einschließlich digitaler Vermögenswerte.
Die Auswirkungen waren unmittelbar und tiefgreifend:
- Zeitplan-Komprimierung: Prüfungszeiträume, die sich früher über bis zu 240 Tage erstreckten, enden nun in nur 75 Tagen.
- Keine Einzelprüfungen: Qualifizierte ETFs können notiert werden, ohne eine separate 19(b)-Regeländerung bei der SEC einzureichen.
- Gleichstellung mit Rohstoffen: Krypto-ETFs operieren nun unter einem Rahmenwerk, das dem für traditionelle rohstoffbasierte Trust-Produkte ähnelt.
Bloomberg-Analyst Eric Balchunas fasste den Wandel unverblümt zusammen: Die neuen Standards machten 19b-4-Formulare und deren Fristen „bedeutungslos“. Produkte, die monatelang in der regulatorischen Schwebe hätten verharren können, können den Markt nun innerhalb von Wochen erreichen.
Die Kriterien für die Qualifizierung sind nicht trivial, aber erreichbar. Ein digitaler Vermögenswert ist qualifiziert, wenn er: (1) an einem Markt mit Mitgliedschaft in der Intermarket Surveillance Group und Vereinbarungen zum Austausch von Überwachungsdaten gehandelt wird, (2) einem CFTC-regulierten Futures-Kontrakt zugrunde liegt, der seit mindestens sechs Monaten gehandelt wird, oder (3) von einem bestehenden ETF mit einem Nettoinventarwert-Exposure von mindestens 40 % abgebildet wird.
Die Antrags-Lawine
Die Zahlen sprechen für sich. Laut Seyffarts Tracking:
- Über 126 Krypto-ETP-Anträge warten auf die Prüfung durch die SEC.
- Solana führt mit acht separaten Anträgen.
- XRP folgt mit sieben Anträgen in der Prüfung.
- 16 Fonds, die SOL, XRP, LTC, ADA, DOGE und andere abdecken, stehen zur Prüfung an.
Die Liste der Antragsteller liest sich wie das Who-is-Who der Vermögensverwaltung: BlackRock, Fidelity, Grayscale, VanEck, Bitwise, 21Shares, Hashdex und andere. Jeder versucht, sich den First-Mover-Vorteil in den noch jungen Asset-Kategorien zu sichern, solange das regulatorische Fenster offen steht.
Die Produktvielfalt ist ebenso bemerkenswert. Neben einfachem Spot-Exposure umfassen die Anträge nun:
- Hebel-ETFs: Volatility Shares hat Produkte beantragt, die ein bis zu 5-faches tägliches Exposure für BTC, SOL, ETH und XRP bieten.
- Staking-fähige Fonds: VanEck, Bitwise und 21Shares haben ihre Solana-Anträge um Staking-Passagen ergänzt.
- Inverse Produkte: Für Trader, die auf sinkende Preise setzen.
- Multi-Krypto-Baskets: Diversifiziertes Exposure über mehrere Vermögenswerte hinweg.
- Optionsbasierte Strategien: Monetarisierung von Volatilität und Absicherungsstrukturen.
Ein Marktforschungsunternehmen beschrieb die kommende Landschaft als „Menüs im Stil der Cheesecake Factory“ – für jeden institutionellen Geschmack ist etwas dabei.
Die Erfolgsgeschichte: Was Bitcoin- und Ethereum-ETFs bewiesen haben
Der Krypto-ETF-Goldrausch baut auf einem bewährten Fundament auf. Bis Ende 2025 hatten Spot-Bitcoin-ETFs über 122 Milliarden US-Dollar an verwaltetem Vermögen (AUM) angesammelt – ein Anstieg von 27 Milliarden US-Dollar zu Beginn des Jahres 2024. Allein der IBIT von BlackRock erreichte in 435 Tagen 95 Milliarden US-Dollar und wurde zur größten öffentlich bekannt gegebenen US-Aktienbeteiligung der Harvard University, nachdem die Stiftung ihre Position um 257 % aufgestockt hatte.
Die Zahlen rückten die institutionelle Krypto-Adoption in ein neues Licht:
- 55 % der Hedgefonds halten mittlerweile Krypto-Positionen (gegenüber 47 % im Vorjahr).
- Durchschnittliche Allokation: ca. 7 % des Vermögens.
- 67 % der in Krypto investierten Fonds nutzen ETFs oder strukturierte Produkte anstelle von Direkthaltungen.
- 76 % der institutionellen Anleger planen, ihr Engagement in digitalen Vermögenswerten auszuweiten.
Ethereum-ETFs zeigten, wenn auch in kleinerem Rahmen, eine wachsende Dynamik. BlackRocks ETHA sicherte sich 60–70 % des Kategorienvolumens und erreichte bis November 2025 ein AUM von 11,1 Milliarden US-Dollar. Die Asset-Kategorie zog seit Jahresbeginn 6,2 Milliarden US-Dollar an, während ETH auf über 4.000 US-Dollar stieg.
Diese Produkte stellten nicht nur Anlagevehikel bereit – sie legitimierten Krypto als institutionelle Anlageklasse. Compliance-Beauftragte, die Direktanlagen in Kryptowährungen nicht genehmigen konnten, konnten SEC-registrierte ETFs mit vertrauten Strukturen und Verwahrungsvereinbarungen freigeben.
Ausblick 2026: 400 Milliarden US-Dollar und darüber hinaus
Die Branchenprognosen für 2026 sind aggressiv. Bitfinex Research erwartet, dass das AUM von Krypto-ETPs bis Ende des Jahres 400 Milliarden US-Dollar überschreiten wird, gegenüber rund 200 Milliarden US-Dollar heute. Diese These stützt sich auf mehrere positive Faktoren:
Regulatorische Klarheit: Der SEC-Vorsitzende Atkins hat Pläne für eine „Token-Taxonomie“ angekündigt, um Wertpapiere von Nicht-Wertpapieren zu unterscheiden, „Project Crypto“ zur Modernisierung der Regeln für digitale Vermögenswerte gestartet und drängt auf eine „Innovationsbefreiung“, um konforme Produkte schneller auf den Weg zu bringen.
Institutionelle Pipeline: Bis 2026 sollen digitale Vermögenswerte im Durchschnitt 16 % der institutionellen Portfolios ausmachen, gegenüber 7 % im Jahr 2023. Fast 60 % der Institutionen planen, mehr als 5 % ihres AUM in Krypto zu investieren.
Produktdiversifizierung: Die kommende Welle umfasst erstmals Engagements in Vermögenswerten wie Cardano, Polkadot, Avalanche und Dogecoin – von denen jeder adressierbare Märkte in Milliardenhöhe repräsentiert.
Globale Harmonisierung: Die MiCA-Regulierung der EU und der DABA-Rahmen in Kanada haben kompatible Standards geschaffen, die eine grenzüberschreitende institutionelle Beteiligung ermöglichen.
Die Liquidationswarnung
Nicht jeder blickt optimistisch auf die ETF-Explosion. Seyffart selbst sprach eine eindringliche Warnung aus: „Ich glaube auch, dass wir eine Menge Liquidationen bei Krypto-ETP-Produkten sehen werden. Das könnte Ende 2026 passieren, aber wahrscheinlich bis Ende 2027. Die Emittenten werfen SEHR VIELE Produkte an die Wand.“
Die Sorge ist begründet. Angesichts von über 126 Einreichungen, die um die Aufmerksamkeit der Anleger konkurrieren:
- AUM-Konzentration: Bitcoin-ETFs dominieren, wobei IBIT den Löwenanteil einnimmt. Kleinere Altcoin-Produkte könnten Schwierigkeiten haben, die Rentabilitätsschwellen zu erreichen.
- Gebührenkompression: Der Wettbewerb treibt die Kostenquoten gegen Null. VanEck hat bereits auf Gebühren für HODL für die ersten 2,5 Mrd. $ an AUM bis Juli 2026 verzichtet.
- Liquiditätsfragmentierung: Mehrere Produkte, die identische Vermögenswerte abbilden, teilen das Handelsvolumen auf, was die Liquidität für jedes einzelne verringert.
- Anlegermüdigkeit: Das „Cheesecake Factory-Menü“ könnte Kapital eher überfordern als anziehen.
Der historische Präzedenzfall ist nicht ermutigend. Die Ausweitung von Rohstoff-ETFs in den 2000er Jahren führte zur Einführung Dutzender Produkte, gefolgt von einer Konsolidierung, als unterdurchschnittliche Fonds liquidiert oder fusioniert wurden. Die gleiche Dynamik erscheint für Krypto wahrscheinlich.
Die Entscheidung von CoinShares im November 2025, S-1-Registrierungen für XRP-, Solana-Staking- und Litecoin-ETFs zurückzuziehen – obwohl das Unternehmen weltweit zu den vier größten Managern für digitale Vermögenswerte gehört –, deutet auf das kompetitive Kalkül hin, das die Firmen anstellen.
Der Widerspruch von Kommissarin Crenshaw
Nicht jeder bei der SEC unterstützt den beschleunigten Zeitplan. Kommissarin Caroline Crenshaw stimmte gegen die allgemeinen Zulassungsstandards und warnte, dass Produkte für digitale Vermögenswerte nun „für die Notierung und den Handel an der Börse zugelassen werden, ohne einer Überprüfung durch die Kommission unterzogen zu werden.“
Ihre Bedenken konzentrierten sich auf den Anlegerschutz. Ohne individuelle Produktprüfung könnten neuartige Risikofaktoren – Schwachstellen in Smart Contracts, Validatorkonzentration, Unsicherheit bei der regulatorischen Einstufung – unzureichend geprüft werden. Das Gegenargument ist, dass bestehende Frameworks für Commodity Trusts bereits ähnliche Probleme handhaben, aber die Debatte unterstreicht die anhaltenden philosophischen Spaltungen innerhalb der Kommission.
Was das für Anleger bedeutet
Sowohl für private als auch für institutionelle Anleger schafft die ETF-Explosion sowohl Chancen als auch Komplexität:
Chancen: Zugang zu diversifiziertem Krypto-Engagement über vertraute, regulierte Vehikel. Produkte, die von Bitcoin bis Dogecoin reichen, von Spot bis gehebelt, von passiv bis renditegenerierend.
Komplexität: Die Flut an Produkten erfordert Due Diligence. Kostenquoten, Tracking Error, AUM-Größe, Liquidität und Verwahrungsvereinbarungen variieren erheblich. Der heute „beste“ Solana-ETF existiert in zwei Jahren vielleicht nicht mehr, wenn er keine nennenswerte Skalierung erreicht.
Risiken: First-Mover-Produkte sind oft nicht die optimalen Produkte. Frühe Bitcoin-ETFs wiesen höhere Gebühren auf als spätere Marktteilnehmer. Das Warten auf die Marktreife kann bessere Optionen hervorbringen – aber Verzögerungen bedeuten, dass man erste Preisbewegungen verpasst.
Der strukturelle Wandel
Über einzelne Produkte hinaus signalisiert der ETF-Boom einen strukturellen Wandel in der Architektur des Kryptomarktes. Wenn das Stiftungsvermögen von Harvard 442,8 Mio. $ in IBIT hält – was es zu ihrer größten offengelegten US-Aktienposition macht –, hat sich Krypto von einer spekulativen Allokation zu einem Kernbestandteil des Portfolios entwickelt.
Die Auswirkungen erstrecken sich auf die Preisfindung, Liquidität und Volatilität. ETF-Zuflüsse und -Abflüsse bewegen nun die Märkte. Institutionelles Rebalancing schafft vorhersehbare Flows. Optionen und Derivate auf ETF-Anteile ermöglichen anspruchsvolle Hedging-Strategien, die zuvor mit Spot-Krypto unmöglich waren.
Kritiker befürchten, dass diese „Finanzialisierung“ Krypto von seinen dezentralen Wurzeln entfernt. Befürworter argumentieren, es sei schlichtweg ein Reifeprozess. Wahrscheinlich haben beide recht.
Ausblick
Die nächsten 12 bis 18 Monate werden zeigen, ob der Markt eine Krypto-ETF-Explosion verkraften kann. Der regulatorische Rahmen unterstützt nun schnelle Produkteinführungen. Die Nachfrage der Anleger scheint robust zu sein. Aber der Wettbewerb ist hart, und nicht jedes Produkt wird überleben.
Für Emittenten begünstigt das Rennen Schnelligkeit, Markenbekanntheit und wettbewerbsfähige Gebühren. Für Anleger erfordert die Vielfalt eine sorgfältige Auswahl. Für das Krypto-Ökosystem im Allgemeinen stellen ETFs die bisher bedeutendste Brücke zwischen dem traditionellen Finanzwesen und digitalen Vermögenswerten dar.
Der 240-tägige Genehmigungsprozess, der einst Innovationen bremste, ist Geschichte. An seine Stelle tritt ein 75-tägiger Sprint, der die Art und Weise, wie Institutionen auf Krypto zugreifen, neu gestalten wird – im Guten wie im Schlechten.
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